Liebe Freund:innen, Interessent:innen, Kund:innen von inscape,
die inscape experience begleitet unser Institut seit mittlerweile mehr als drei Jahrzehnten. Erstmals 1993 veranstaltet, steht sie als Group Relations Conference in der Tradition der Tavistock-Konferenzen und bietet intensives Erfahrungslernen. Unter dem Motto „Halt – Bewegung – Erneuerung“ ließen sich Anfang Januar in Weilburg an der Lahn 39 Teilnehmende auf diese Art des Lernens ein. Im Schwerpunkt hören wir, was eine Teilnehmerin für sich aus den fünf Tagen mitgenommen hat, und berichten, was diesen Konferenz-Ansatz besonders macht.
Da ist beileibe nicht nur die spezielle Sitzordnung (siehe Bilder links unten), die jede:r, der oder die schon bei einer inscape experience oder Tavistock Konferenz dabei gewesen ist, wohl kennt. Auch die Verdichtung und die spezifische Rollengestaltung führen zu Erkenntnisgewinnen, die sowohl für die Arbeit als Führungskraft als auch für die Arbeit mit Organisationen relevant sind. Am Ende dieses Newsletters gibt es wieder die Ankündigungen zu den nächsten bei inscape anstehenden Terminen, inklusive des Coaching-Kongresses in Kassel, der in diesem Jahr am 27. und 28. März stattfindet.
Die inscape experience: Ungewöhnliches Lernen
Obwohl das Format und die Struktur stets gleichbleiben, entwickelt doch jede inscape experience ein Eigenleben. Genau hier liegt eine der Besonderheiten des Formats. Denn auch für das Berater:innen- und Leitungsteam lässt sich im Vorhinein nur schwerlich voraussagen, was die Teilnehmenden genau beschäftigen wird und wohin die gemeinsame Reise geht. Die inscape experience besteht aus einem großen System, in dem alle zusammenkommen.
Zudem gibt es verschiedene Subsysteme, die untereinander und mit dem Berater:innen- und Leitungsteam kommunizieren (oder auch nicht) und während der Woche an den ihnen zugewiesenen Aufgaben arbeiten. So tauchte bei der im Januar stattgefundenen inscape experience immer wieder das Thema des zeitlichen Drucks auf und wie er das gemeinsame Denken und Arbeiten verändert. In einigen der Subsysteme war eine Vorstellung von Zeitverknappung dominant und die Verbindung zum Berater:innen- und Leitungsteam wurde nicht immer gesucht. Die Ähnlichkeit zu realen Organisationen ist in diesem Ansatz gewollt, mit der Intention, jene unbewussten Dynamiken freizulegen, die Organisationen im Alltag strukturieren, dort jedoch gemeinhin oft nicht wirklich benannt werden können. Bei der inscape experience erhalten diese Dynamiken hingegen einen Platz zur Entfaltung.
Für die Teilnehmenden besteht die Primäraufgabe vor allem darin, sich im Fühlen und Agieren permanent selbst zu beobachten, mit anderen in Kontakt zu treten, Ängste und Unsicherheiten im Gruppenkontext zu spüren. Auf diese Weise können die Teilnehmenden die Dynamik von Führung und Gefolgschaft, Autorität, Rolle, Grenze und Aufgabe in realen Interaktionen untersuchen und immer wieder gemeinsam reflektieren und benennen. Zu den diesjährigen Teilnehmer:innen gehörte auch Janette Wendt, die als selbständige Organisationsberaterin, Coach und Supervisorin (DGSv) arbeitet. Beim Blick zurück beschreibt sie, „wie körperlich spürbar Übertragungen und emotionale Ansteckung in der Gruppe wurden. Unruhe, Herzklopfen oder Spannung schienen durch das System zu wandern – oft lange, bevor Worte dafür gefunden werden konnten.“
Intensität des Erlebens
All das ist gewollt und so lässt sich das, was während einer inscape experience geschieht, als eine Verdichtung organisationaler Wirklichkeit lesen. Lernen entsteht hier durch die Fähigkeit, diese Prozesse auszuhalten und zu beobachten, ohne sie vorschnell zu beruhigen. In diesem Sinne versteht sich die inscape experience als ein Arbeitsraum, in dem Halt, Bewegung und Erneuerung nicht behauptet, sondern erfahrbar gemacht werden. Denn letztlich bleibt ja auch Lernen an Erfahrung gebunden und ist gerade darin anschlussfähig für die Realität von Organisationen.
Für Janette Wendt, die seit Jahren selbständig arbeitet, war genau dieser Effekt in der temporären Organisation der inscape experience besonders eindrücklich: „Immer wieder habe ich innegehalten und geprüft, was ich im Moment erlebe, was davon zu mir gehört – und was etwas über das System erzählt. Ich habe sehr deutlich gespürt, wie sich Dynamiken wie Doppelrollen, Rollenkonflikte oder innere Zerrissenheit körperlich und emotional anfühlen – nicht aus der Beobachtung heraus, sondern mitten im Geschehen. Dieses bewusste Verlassen der analytischen Distanz hat mir noch einmal vor Augen geführt, wie wirksam bewusste und unbewusste Prozesse in Organisationen sind.“
Die Intensität des Erlebens wird nicht nur durch die verdichtete Atmosphäre erzeugt, sondern auch durch den bewusst distanzierten Habitus des Berater:innen- und Leitungsteams, der zu Anspannung führt und diese Art des Erfahrens verstärkt. Dr. Karin Herrmann, die Direktorin der inscape experience 2026, erläutert dazu: „Dass der Staff (den sie übrigens im Foto unten links sehen können) während der experience den Teilnehmenden gegenüber eine spezifische Form von Distanz hält, dient dazu, die jeweiligen Rollen bzw. die Interaktionen zwischen Rollenträger:innen in den Fokus zu rücken und so das Rollenbewusstsein der Beteiligten zu schärfen. Diese nicht-alltägliche Form der Kommunikation soll also Lernprozesse ermöglichen, sozusagen im Sinne einer produktiven Irritation im Rahmen haltgebender Strukturen wie fester Zeit- und Formatgrenzen.“
Auch die mehr oder minder bewusste Ausfüllung neuer und anderer Rollen, die bewusst ausprobiert werden oder einem scheinbar zugeschoben werden, ermöglicht es, Neues auszuprobieren und Konkretes in den eigenen Arbeitsalltag mitzunehmen. So ging es auch Janette Wendt: „Ich habe mich mit meiner eigenen Haltung, mit weiblichen Rollenvorbildern und mit der Frage beschäftigt, was es für mich heißt, Führung bewusst anders zu gestalten: das Ziel im Blick zu behalten und gleichzeitig in Beziehung zu bleiben. Das erfordert Halt und die Bereitschaft, die eigene Zumutung auszuhalten.“
Neue Perspektiven
Genau diese Beobachtbarkeit macht das Format für Führungskräfte und Berater:innen so wirksam. In der inscape experience lässt sich präziser sehen, wie Verantwortung übernommen oder vermieden wird, wie latente Konflikte und unbewusste Wünsche in Systeme wandern.
Außerdem lässt sich sehen, wie Autorität zugeschrieben wird, und wie schnell aus dem Wunsch nach Steuerung ein Zwang zur Kontrolle werden kann. Auch Janette Wendt berichtet, wie die inscape experience ihre professionelle Haltung nochmal vertieft hat: „Ich nehme eine erneute Klarheit für das vielschichtige Erleben meiner Supervisand:innen mit – dafür, wie Rolle, Person, System und Körper gleichzeitig wirksam sind. Mein Respekt für Menschen in Verantwortung ist dabei weiter gewachsen: für jene, die zwischen unterschiedlichen Erwartungen stehen, widersprüchliche Anforderungen integrieren und dabei oft auch emotionale Einsamkeit aushalten. Dieses Verständnis stärkt mich in meiner Arbeit mit Führungskräften und Organisationen.“
Psychodynamik in der Führung
Zusammen mit Silke Facilides leitet Janette Wendt vom 20.03.-22.03 zudem den Kompakt-Workshop „Psychodynamik in der Führung. Verstehen, was bewegt und wirksamer führen“. Der Workshop in Hamburg ist besonders relevant für jene, die die Dynamiken aus der Perspektive einer Führungskraft verstehen wollen. Denn einerseits ist Führung immer eine Projektionsfläche für Erwartungen, Hoffnung und Ärger. Doch natürlich ist sie mehr als das und eben Teil der Dynamik. In zweieinhalb Tagen vermittelt der Workshop die Theorie psychodynamischer Prozesse in Führung und bezieht diese immer wieder direkt auf den jeweiligen Führungsalltag der Teilnehmenden. So entsteht durch die Verknüpfung von Theorie und Praxis, sowie aus dem intensiven Austausch mit Führungskräften anderer Organisationen, ein Grundverständnis der psychodynamischen Prozesse in Organisationen und Teams. Dabei ergeben sich ein neuer Blick für die eigene Rolle und damit auch für alternative Handlungsmöglichkeiten.
- Am 20. und 21. Februar veranstalten wir eine Werkstatt zur Organisationsanalyse. Geleitet von Edeltrud Freitag-Becker und Dr. Karin Herrmann geht es darum, Berater:innen und Führungskräfte zu befähigen, mittels unterschiedlicher psychodynamischer Analyseinstrumente, organisationale Themen und Prozesse besser zu erkennen und zu verstehen.
- Die inscape Coaching-Ausbildung beginnt in diesem Jahr mit ihrem ersten Modul am 05. März. Während der Ausbildung entwickeln die Teilnehmer:innen ihre Haltung als Coach und setzen sich mit den psychodynamischen Aspekten der Coaching-Arbeit auseinander. Noch sind letzte Anmeldungen möglich.
- Der inscape Kompakt-Workshop „Psychodynamik in der Führung. Verstehen, was bewegt und wirksamer führen“ findet vom 20.03.-22.03.26 in Hamburg statt. Der Workshop mit bewusst starkem Praxisbezug zu den Kontexten der Teilnehmenden, vermittelt ein Grundverständnis psychodynamischer Prozesse in Organisationen und Teams – und wie sich diese auf die eigene Rolle und das Handeln auswirken.
- Der Kongress für psychodynamisches Coaching findet am 27. und 28. März in Kassel statt. In diesem Jahr lautet das Motto „Halten.Gegenhalten.Umschalten. Essenz und Potential psychodynamischer Beratung in Organisationen“.
Anmeldungen zu allen Veranstaltungen können jeweils bei Gabriele Beumer unter Gabriele.Beumer@inscape-international.de vorgenommen werden.
Das ganze Jahresprogramm von inscape finden Sie hier.
Damit verabschieden wir uns für die neununzwanzigste Ausgabe des Newsletters. Die nächste Ausgabe erscheint im März.
Herzliche Grüße,
das inscape-Team

